Vortrag Dr. Klaus Wallner, Universität Hohenheim

Dr. Klaus Wallner (Bild: Johann Schön)

 

„Moderne Landwirtschaft – Chance und Risiko für die Imkerei“

 

Wenn auch die vorbereiteten Plätze im Jugendheim Leonberg wirklich gut belegt waren, einige Imker – und auch Funktionäre des Bezirksverbands – hätten noch Platz gefunden. Wer sich aber auf das Thema eingelassen hat, der hat in einem spannenden und sehr anschaulichen Vortrag vieles über die langfristigen Grundlagen unserer Imkerei, über die Umwelt der Bienen, erfahren. Dabei hat es sich Dr. Wallner nicht leicht gemacht, vor Imkern könnte man so schön demagogisch gegen die moderne Landwirtschaft zu Felde ziehen. Dieser Versuchung ist der Referent bei seinen vielen Aufgabengebieten (studierter Landwirt, Bienen- und Pflanzenwissenschaftler und vielfältige Gutachter- und Beratertätigkeiten) nicht erlegen. So hat er die Probleme deutlich angesprochen, Interessenkonflikte erklärt und auch immer wieder nach Win-Win-Situationen gesucht, nach Lösungen, die allen Seiten weiterhelfen können.

 

Die Situation:

1. Versorgung der Bienen

  Etwa 65 Prozent der Fläche Deutschlands sind landwirtschaftlich genutzt, der Rest ist Siedlungsraum, Ödland usw.

  Die Landwirtschaft konzentriert sich zunehmend auf Pflanzen, die für Bienen uninteressant sind, wie Getreide und Mais. Stilllegungsflächen verschwinden. Raps ist die letzte blühende Ackerpflanze. Seine Anbaufläche beträgt 1,5 Millionen Hektar; das entspricht 12,8 % der gesamten Ackerfläche Deutschlands. Der Raps garantiert uns meist eine sichere und ausgiebige Honigernte.

  Die Intensivierung in der Landwirtschaft verdrängt Blüten. Luzerne, Esparsette und Klee kommen praktisch nicht mehr vor.

   Die Grünlandbetriebe sind weitgehend rationell arbeitende Großbetriebe, sie sind schlagkräftig und ernten häufig und früh. Blühpflanzen können sich dadurch nicht zur Reife entwickeln, Löwenzahn wird meist gleich zu Beginn des Blühstadiums geschnitten; zu dieser Zeit hat er auch den höchsten Eiweißgehalt für die Landwirtschaft. Als Tracht fällt er für den Imker dann aus.

  Flurbereinigung und Erosionsschutzmaßnahmen im Weinbau haben Kräuter und Wildpflanzen praktisch vollständig verdrängt. Die Not der Bienen muss dramatisch sein, denn Bienen befliegen die Weinblüte, eine völlig uninteressante Trachtpflanze, die keinen Nektar sondern nur eine sehr einseitige Pollenernährung liefert.

  Streuobstflächen, ehedem Paradiese für Bienen, tragen kaum noch zur Versorgung der Bienen bei. Die schlechten Preise für das Obst machen die Flächen uninteressant für die Erben. So werden die Flächen entweder als Rasenflächen genutzt (Kräuter können nicht reifen) oder die Wiesen werden nicht gepflegt (Kräuter werden von Gras erdrückt).

Folge: Die Versorgung der Bienen im ländlichen Raum wird immer
           schlechter. Bienen müssen teils uninteressante Pflanzen nutzen, wie

               Mais – nur einseitige Pollenernährung, fehlende Aminosäuren

               Wein – nur einseitige Pollenernährung

               Kartoffel – es tauchen sogar die ersten Bilder auf, auf denen Bienen
                             die Kartoffel befliegen -  nur einseitige Pollenernährung,
                             eventuell mit Giftstoffen.

 

2. Gefährdung durch Pflanzenschutz

 

Pflanzenschutz ist nötig, Dr. Wallner selbst ist in Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel eingebunden. Dabei werden die Stufen B1, B2 als bienengefährlich angesehen, und die Bienenschutzverordnung will den Kontakt der Bienen mit B1-Präparaten verhindern, den Kontakt mit B2-Präparaten einschränken. B1 und B2 Mittel dürfen also grundsätzlich nicht in die Blüte. Die Gefährdung der Bienen geschieht auf vielfältige Weise: Besprühen der Sammlerinnen im Feld, Kontakt mit behandelten Blütenblättern, Sammeln von kontaminiertem Futter oder Sammeln von verseuchtem Wasser vom Boden oder den Blättern. Dr. Wallner stellt aber auch klar, dass nicht jede Biene geschützt werden kann. Zu vielfältig sind die Interessen, zu vielfältig auch die Organismen auf und im Boden. „Ein Bienenvolk verliert täglich ganz natürlich etwa 2000 Bienen und produziert aber auch 2000 neue Bienen.“

Einige Erkenntnisse:

  Sobald die Bienen den Nektar in Honig umarbeiten, nimmt die Wirkstoffkonzentration erheblich ab (oft auf ein Tausendstel). Honig ist also meist nur unmessbar belastet, auch mit Beizmitteln.

  Bei Pollen findet die Umarbeitung nicht statt, der Pollen ist meist erheblich höher belastet. Die Nahrung gefährdet somit Biene und Brut.

  Auch die direkte Wirkung auf die Bienen ist unterschiedlich. Bei der Mais-Beiz-Katastrophe im Rheingraben waren meist Nektarsammlerinnen sofort tot. Die Pollensammlerinnen brachten den verseuchten Pollen in die Völker.

  Durch die intensive Landwirtschaft nehmen aber die Verdünnungseffekte ab. Stammt Bienenfutter und Honig aus vielen Trachtquellen, so sind viele davon völlig unbelastet, die Schadstoffe aus einer Trachtquelle werden also auf ein unschädliches Maß verdünnt. Bei Monokulturen können die Bienen nicht mehr ausweichen – und Landwirte dürfen bei der Behandlung keine Fehler mehr machen.

 

3. Win-win-Situationen

 

Mit Entweder-Oder kommen wir nicht weiter, so Dr. Klaus Wallner. In vielen Fällen brauchen wir das Sowohl-Als-Auch.

Einige Ansätze:

  Reden Sie mit den Bauern. Normalerweise müssen sie nicht bei Bienenflug spritzen. Die Kernflugzeiten in Raps sind von 9 Uhr bis höchstens 19 Uhr. Spritzt der Landwirt erst nach 19 Uhr, so wird er auch von anderen Nachbarn nicht angefeindet – die sitzen vor dem Fernseher und kriegen vom Spritzen nichts mit. Wenn wir auch die letzte Biene retten wollen und dem Bauern erzählen, dass die Bienen bis 22 Uhr fliegen, dann haben wir nichts davon. Er spritzt nicht bis nach Mitternacht, dann spritzt er gleich am Vormittag.

  Forschung und Entwicklung hilft beiden Seiten: Spritztechnik, die die Mittel dorthin bringt, wo sie wirken, hilft den Bauern und den Bienen. Die meisten Mittel müssen nicht in die Blüte. Die neue Saattechnik bei gebeiztem Mais schont die Gesundheit des Bauern und das Leben der Bienen.

  Neue Pflanzen und Pflanzenmischungen helfen dem Bauern und dem Imker. Es geht nicht um „Wildpflanzen STATT Mais“, sondern um „Wildpflanzen UND Mais“. Mehrjährige Wild-Energiepflanzen können erhebliche Kostenvorteile bringen und beiden Seiten helfen. Die „Durchwachsene Silphie“ blüht von Juli bis September und ist eine hervorragende Energie- und Futterpflanze und eine sehr gute Bienenweide.

Bericht: Johann Schön

>> Eröffnung Richard Schecklmann